Ansatz und Ziele der Friedenspädagogik

Der Friedensbegriff, mit dem am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung operiert und der demnach auch der Friedens- pädagogik zugrunde liegt, ist ein sich parallel zur Friedensforschung ständig weiter entwickelnder.

Er wird nicht länger mit einem undifferenzierten Zustand permanenter Harmonie verbunden, sondern schließt die gewaltlose Konfliktaustragung auf allen Ebenen mit ein, die für eine friedens- politische Entwicklung von Bedeutung sind.

Ein solcher Anspruch bedingt aber auch die Einbeziehung des unmittelbaren Erfahrungsbereichs der am Bildungsarbeits-
prozess Beteiligten.

Er schließt Konflikte und Auseinander-
setzungen in diesem Prozess mit ein bzw. nützt diese als Ausgangspunkt für die Vermittlung von Erkenntnissen und Einsichten in die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge.

Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung ist also doppelt konstituiert: Sie bezieht sich einerseits auf die "subjektiven" Erfahrungen und Bedürfnisse der Menschen, die sie mit "Frieden" verbinden, und andererseits auf die "objektiven", die gesellschaftspolitischen Konfliktfelder, die sowohl die Inhalte der Bildungsarbeit als auch die Bedingungen ihrer Vermittlung konstituieren. Friedenspädagogik ist damit neben der Befriedigung von Bedürfnissen, die auf Überleben, Wohlfahrt, Freiheit und Identität gerichtet sind, auch an das Durchschauen und Mitgestalten der gesellschaftspolitischen Konfliktfelder gebunden.

Während die Auseinandersetzungen um das erstere Konstitutionsmoment mit Begriffen wie "Soziales Lernen" und "Empowerment" verbunden sind, wird um das zweite Konstitutions-
moment mit Begriffen wie "Fächerübergreifender Unterricht", "Projektorientiertes Lernen", "Transparenz" und "Civil Society Education" gerungen.

Demnach sollte Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung die verschiedenen Formen der Gewalt und Friedlosigkeit von der personalen bis zur internationalen Ebene thematisieren und ihre Ursachen und vielfältigen Verflechtungen analysieren. Wichtig ist dabei, dass jede Fixierung auf negative Entwicklungen vermieden wird, die Gefühle der Ohnmacht, Resignation oder aber auch Faszination erzeugt ("Katastrophen-Pädagogik" etc.).

Vielmehr sind durch Gewalt und Friedlosigkeit unbefriedigte Bedürfnisse als Ausgangspunkt für eine Friedenspädagogik zu verstehen, die sich positiv an der Befriedigung dieser Bedürfnisse orientiert und dafür Möglichkeiten sucht und aufzeigt.

Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung ist also methodisch ganzheitlich orientiert im Sinne von Verbindung kognitiver Inhalte und persönlicher Einstellungsentwicklung bis hin zur Verhaltensänderung, umfassend im Sinne der Integration verschiedener Ebenen sozialer Distanz (intrapersonal bis international) und offen im Sinne von permanenter Lernbereitschaft aller Beteiligter.

Zusammenfassend kann folgendes festgehalten werden

Friedenspädagogik möchte dazu beitragen, die vorhandenen Rivalitäts-, Macht-
und Gewaltstrukturen durch die Entwicklung einer umfassenden Friedenskultur
zu ersetzen.
Die Perspektive einer solchen Arbeit ist sowohl auf eine "Neuordnung von Wahrnehmung" (Adorno) der einzelnen Individuen als auch auf eine Gestaltung der gesellschaftlichen Bedingungen gerichtet, die grundlegenden Bedürfnissen entspricht. Sie betont die Notwendigkeit von selbsttätigem und handlungsorientiertem Lernen und das aktive Eintreten für ein Überleben und ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen dieser Erde, jetzt und in der Zukunft.


Friedenspädagogik & Schule

Die aufgezeigte friedenspolitische Entwicklung und die damit verbundenen Konsequenzen für die Friedenspädagogik stellen auch für die Schule eine große Herausforderung dar.




Wie kann die Schule den skizzierten Anforderungen an Bildungsarbeit gerecht werden? Wie müssen Lernprozesse beschaffen sein, die Schüler und Schülerinnen motivieren und qualifizieren, sich der Vernichtung unserer Lebens-
grundlagen durch Krieg und ökologische Verwüstung entgegenzustellen? Welche Curricula sind dafür erforderlich, und wie können LehrerInnen in dieser Aufgaben-
stellung unterstützt werden? Wie müsste das System verändert werden, um Raum für all diese Herausforderungen zu schaffen?

Um dieser Herausforderung zu begegnen, braucht nicht bei Null begonnen werden.
Die schulische Praxis, die Lehrpläne der österreichischen Schulen und die Grundsatzerlässe (wie z.B. jene zur ganzheitlich-kreativen Erziehung) enthalten wichtige Aspekte der Bildungsarbeit für Frieden und Konfliktlösung (soziales und interkulturelles Lernen, Reflexion von Konflikten etc.). In Ansätzen ist Friedens-
pädagogik also bereits explizit, vor allem aber auch implizit in der schulischen Praxis verankert.

Um den Herausforderungen gerecht zu werden, bedarf es sehr konkreter und umfassender Aktivitäten im breiten Fach der Friedenspädagogik. Wichtig ist der Mut zur Kreativität und ein Verständnis dafür, das friedenspädagogische Aktivitäten – gleichwie der ihnen zugrunde liegende Friedensbegriff – einem ständigen Wandel unterzogen sind und immer wieder Platz für innovative Initiativen und Visionen eingeräumt werden.

Friedenswochen auf Burg Schlaining     Weitere Schulprojekte


Print  |  Top of page